„Der größte Treiber für die Kurse sind anhaltend niedrige Zinsen“

Ein Interview

 

Die Tage hat Astrid Schuch von wikifolio ein Interview mit mir gemacht, um mich den Anlegerinnen und Anlegern dort noch besser vorzustellen. „Traders Talk“ nennt sich das Format. Mir hat es sehr viel Spaß gemacht, mal auf die neugierigen Fragen einer Journalistin zu antworten und auch zu Fragen Stellung zu nehmen, die hier auf dem Blog sonst keine so große Rolle spielen. Hier kommt der Text:

 

Herr Thiel, Sie haben – wie Google verrät – ganz offenbar zwei große Leidenschaften: Die Liebe und die Börse. Wie wird ein Single- und Paarberater wikifolio-Investor?

Das ist einfach beantwortet. Weil bei mir Geld übrig geblieben ist und ich keine Lust hatte, es zu Null Prozent liegen zu lassen. Zudem neige ich auch als Single- und Paarberater dazu, mich mit Studien zu beschäftigen – und wenig mit Annahmen über die Liebe. Das habe ich dann auch bei Aktien so gemacht. Ich habe sehr viel gelesen, das macht ich heute noch so. Alleine zu Apple lese ich sicherlich um die 2.000 Seiten im Jahr. Dann kam mein Blog dazu – grossmutters-sparstrumpf. Und dann wollte ich einen Nachweis für meine Performance. Das war dann das wiki.

Sie haben mehrere Bücher geschrieben – darunter etwa „Was glückliche Paare richtig machen“.  Nur aus Interesse – in zwei Sätzen: Was wäre das?

Sie sollten jeden Tag wissen, was es Ihrem Partner geht – und sich auch dafür interessieren und nachfragen. Wer kein Interesse an der emotionalen Situation seines Partners hat, führt keine stabile Beziehung. Überlegen Sie sich zudem jeden Tag etwas, dass Sie für Ihren Partner tun können, um ihr oder ihm eine Freude zu machen. Dann sollten Sie Ihren Partner mindestens einmal am Tag loben. Und vergessen Sie auch nie „Danke“ zu sagen, wenn Ihr Partner etwas Nettes macht. Das war es im Grunde schon. Klingt einfach, ist aber für viele Paare sehr schwer.

 

 

Darüber hinaus geht es in ihrem Buch „Schatz, ich habe den Index geschlagen“ um den Finanzmarkt und wie man auch als Kleinanleger erfolgreich in Aktien investieren kann. Welchen Tipp würden sie einem Börsenneuling geben – wo sollte man anfangen?

Meide die Börsenmedien und die vielen Alarmmeldungen der Wirtschaftspresse. Wer das alles liest, der investiert entweder gar nicht (vor lauter Angst) oder er legt sein Geld in die falschen Aktien an. Das alles ist viel zu kurzatmig und hat mit Investieren nichts zu tun. Ein paar gute Bücher wie meines oder das von Gerd Kommer (Souverän investieren) können dagegen sehr helfen. Ken Fishers Buch über die Börsenmythen ist auch sehr hilfreich. Oder die fantastische Studie von Jom Collins (Der Weg zu den Besten). Er zeigt, was ein wirklich gutes Management ist und wie sich ein gutes Management auf den Erfolg eines Unternehmens auswirkt. Ich könnte jetzt noch stundenlang so weiter machen mit Buchempfehlungen. Die Biographie von Warren Buffett, The Snowball, halte ich für ein absolutes Muss. Und wer Christopher Mayers Buch über Aktien die sich verhundertfachen nicht kennt (100 Baggers. Stocks that return 100-to-1 and how to find them), der tappt an der Börse möglicherweise auch im Dunkeln.

 

 

Sie haben mit ihrem wikifolio „Global Champions“ seit der Erstellung im Jänner 2016 eine Performance von gut 70 Prozent erwirtschaftet – und damit, dem Buchtitel entsprechend, den Index geschlagen. Der S&P 500 kommt nur auf ein Plus von etwa 50 Prozent. Wie zufrieden sind Sie damit und welche Ziele haben Sie sich persönlich mit dem wikifollio gesetzt?

Sehr zufrieden. Ich komme, verglichen mit dem MSCI Wolrd auf ungefähr 50 Prozent mehr Performance. Hat der MSCI World 12 Prozent im Jahr, habe ich 18 Prozent. Das sind zwar nur 6 Prozentpunkte mehr im Jahr, aber 6 Prozentpunkte sind nun mal 50 Prozent mehr Gewinn. Das ist schon ziemlich gut. Ich kenne keinen Profi im deutschsprachigen Raum, der im Bereich der internationalen Aktien ähnlich gut ist. Von Morgan Stanley gibt es einen Fonds mit internationalen Aktien, der manchmal noch besser ist als meine Performance. Das ist natürlich schon ein wenig makaber. Den Profis die den ganzen Tag am Geld ihrer Kunden herumdoktern fällt offensichtlich weniger ein als mir, der ich jeden Tag im Kern mein eigenes Geld verwalte beziehungsweise das Geld der Familie. Und das mit einem Zeitaufwand von einer Stunde am Tag – als Hobby. Das wiki “Global Champions“ ist ja wie mein persönliches Depot zusammengestellt. 

In „Global Champions“ investieren Sie nach eigener Aussage nur in die besten Aktien der Welt. Hört sich sinnvoll an und würde wahrscheinlich jeder gerne machen. Nur: Woher weiß man, welche Unternehmen die Besten sind? Die Besten – gemessen woran?

Das scheint auf den ersten Blick sehr schwer zu entscheiden. Aber mit der Zeit bekommt man doch Routine in der Beurteilung von Unternehmen und von Chancen. Vor einigen Jahren riet eine Börsenzeitschrift ihren Leserinnen und Lesern dringend, die Aktie von Apple zu verkaufen. Und gleichzeitig empfahl sie einen Korb von anderen Aktien. Natürlich ist Apple besser gelaufen als der Korb den sie empfahlen. Man braucht schon einen tieferen Blick in das Geschäft von Apple und wie es funktioniert, um auch bei Abschwüngen die Nerven zu behalten. Zudem ist Apple eine sehr starke Marke und kann ein hohes Premium für seine Produkte erzielen.

Manche Unternehmen wie etwa Chipotle Mexican Grill kenne ich seit vielen Jahren – sie bedienen den Megatrend gesunde Ernährung perfekt. Am Ende habe ich sie in der Krise gekauft, als sie – wie Buffett manchmal sagt – im OP lagen. Das war ein toller Zeitpunkt. Vorher habe ich Chipotle allerdings schon drei Jahre beobachtet – und nicht gekauft.

 

 

Ihr wikifolio steckt voller klingender Namen – vornehmlich aus den USA. Europäer sind rar gesät. Einzig der Pharmakonzern Novo Nordisk, der Sportartikelhersteller Adidas, der Schweizer Schokoladenhersteller Lindt & Sprüngli und der Zahlungsanbieter Wirecard schaffen es ins wikifolio. Was haben die Amerikaner, was die Europäer nicht haben?                 

Sie haben Wachstum. Wir haben dagegen die schwarze Null. Die stranguliert Europa. Wer sich dann noch die hohe Zahl von CEO’s in den USA anschaut, die Immigranten sind, der kann mit der deutschen und europäischen Mentalität nur hadern. Die Amerikaner gewinnen regelmäßig den Kampf um die besten Köpfe in der Welt. Die besten Köpfe können aus dem Iran sein, aus Nigeria oder aus Indien. Auffällig ist die hohe Zahl von Indern, die Führungspositionen in den USA besetzen. Das ist ein Vorteil der amerikanischen Kultur, das sie so etwas zustande bringen.

Sie orientieren sich an den Prinzipien des Value-Investing. Wie wichtig ist Ihnen Diversifikation im wikifolio?

Extrem wichtig. Ich habe einige Branchen gezielt nicht im wiki. Die Autoindustrie zum Beispiel. Oder Rüstungskonzerne. Oder Tabakunternehmen. Aber mit Ausnahme dieser Branchen achte ich doch sehr darauf, dass ich auch konservative Investments wie Lindt oder John Deere im Depot habe. Oder Disney. Eine unglaubliche Aktie, die sich seit es sie gibt schon mehr als verhundertfacht hat. Wer allerdings versucht, den Index ohne Apple, ohne Mastercard, ohne Amazon und ohne Facebook zu schlagen, der wird scheitern. Dann kann ich gleich einen ETF kaufen – der performt besser.

Das Börsenumfeld wurde zuletzt recht ungemütlich. In einem Blogbeitrag haben Sie kürzlich geschrieben, dass das wahrscheinlichste Szenario für den S&P 500 auf 12-Monats-Sicht eine Seitwärtsbewegung ist. Sehen Sie das nach wie vor so?

Ja. Warum sollte denn der S&P 500 nach seinen gewaltigen Gewinnen in der ersten Jahreshälfte jetzt noch weiter nach oben stürmen? So etwas ist natürlich nicht auszuschließen. Aber es ist unwahrscheinlich. Mein wiki wird trotzdem profitieren. Zum einen durch die anhaltenden Wechselkursveränderungen. Der Dollar wird ja noch immer stärker. Die amerikansichen Dividenden entgehen mir leider, weil sie in einem wiki nicht verbucht werden können. Auch deshalb läuft mein privates Depot immer noch ein wenig besser als das wiki. Und dann kann ich mir vorstellen, dass wir noch ein paar Prozentpunkte zulegen auf Jahressicht. Die amerikanischen Indizes neigen dazu zuzulegen, wenn klar ist, wer die Wahl gewinnt. In einem Jahr wissen wir mehr. Aber möglicherweise wird auch die nächste Wahl erst am Wahlabend wirklich entschieden sein.

Wenn Sie sich die allgemeinen Entwicklungen in Wirtschaft, Politik und Finanzwelt ansehen – welches Risiko, glauben Sie, ist für den Markt aktuell das größte?

Es gibt interessanterweise derzeit so wenig Risiken, das mir beim besten Willen keines einfallen will. Ein hoher Ölpreis hat der Konjuktur schon oft stark zugesetzt. Den haben wir derzeit nicht. Hohe Zinsen auch nicht. Wir haben auch keinen Weltkrieg – beide Weltkriege waren Wohlstandszerstörer von gigantischem Ausmaß. Lokale Kriege hingegen, so bedauerlich sie sind, haben auf die Weltkonjunktur kaum einen Einfluss. Alle die glauben, wir leben in unruhigen und gefährlichen Zeiten sage ich immer gerne: Das letzte Mal, das es einen richtig gefährlichen Krieg gab mit vielen Millionen von Toten und immerhin drei daran beteiligten Weltmächten, das war der Koreakrieg von 1950 bis 1953. Seither ist die Welt sicherlich nicht zur Ruhe gekommen – aber ein so entsetzliches Gemetzel wie damals hat es nicht noch einmal gegeben.

Was wäre der größte Treiber für die Kurse?

Anhaltend niedrige Zinsen. Die haben wir. Ein Modernisierungsprogramm für Europa, dass den Energieverbrauch, vor allem bei den Heizungen drastisch reduziert. Die deutsche Regierung bewegt sich jetzt endlich langsam in diese Richtung. Wir brauchen einen Stimulus der Modernisierung in Europa – ein Infrastrukturprogramm. Eine Regierung die sich selbst bei Minuszinsen nicht traut Schulden zu machen um diese drei Dinge anzugehen, die gibt dem Markt das klare Signal, das sie kein Vertrauen in ihre Zukunft hat.

Wie gehen Sie mit dem Risiko eines breiten Abverkaufs an den Börsen in Ihrem wikifolio um? Sichern Sie das wikifolio in irgendeiner Form ab?

Nein. Ich bin stets zu 95-100 Prozent investiert. Derzeit ist das Risiko dass ich hinter dem Markt her laufe bei einer zu geringen Investitionsquote viel zu groß,. Ich schaue allerdings regelmäßig nach guten Aktien mit einem sehr niedrigen KGV – zuletzt habe ich CVS Health aufgestockt. Ein niedriges KGV sichert das Depot nach unten gut ab. Zumindest wenn es grundsolide Werte sind und nicht die in der Krise steckende deutsche Autoindustrie. Ein breiter Abverkauf ist in meinen Augen auch nicht sehr wahrscheinlich. Korrekturen – ja. Die haben wir allerdings gerade hinter uns.

 

 

Viele Privatanleger sind an den Aktienmärkten nicht erfolgreich, weil Sie sich von Emotionen leiten lassen – allen voran Angst und Gier. Wie gehen Sie mit dieser Problematik um?

Ich schaue regelmäßig auf den Fear & Greed-Index bei CNN. Wenn der um die 20 steht, dann rate ich in meiner Facebook-Aktiengruppe zum Nachkaufen. Das ist eine der validesten Börsenregeln die ich kenne: Kaufen, wenn der Fear & Greed unter 20 steht. Ich würde dann auch gerne den Anlegerinnen und Anlegern des wikis raten, nachzukaufen. Leider machen die es anders. Sie verkaufen bei Fear und kaufen bei Greed.

Der Goldpreis ist zuletzt stark gestiegen. Viele wikifolio-Trader haben Goldminenaktien beigemischt und waren damit äußerst erfolgreich. Wäre ein Engagement in Goldminenaktien, physischem Gold oder alternativen Währungen wie Bitcoin und Co. für Sie eine Alternative?

Nein. Goldminenaktien sind extrem zyklisch. Für Trader ist das super. Für mich als Langfristanleger aber nicht. Es gibt nicht viele Branchen, die in 30 Jahren nur steigen und fallen und steigen und fallen – aber keinen Zuwachs zu verzeichnen haben. Wer sich den Index für Goldminen (Philadelpphia Gold and Silver Index; XAU) anschaut kann leicht erkennen, dass Goldminen in 30 Jahren keinerlei Wertzuwachs erzielt haben.

Das Gold des 21. Jahrhunderts ist in meinen Augen ohnehin Software. Software ist eating the world, hieß ein bahnbrechender Text, der vor acht Jahren im Wall Street Journal erscheinen ist. Diese Devise gilt noch immer.

Welche Aktie würden Sie heute kaufen und ihren Kindern vererben?

Ich bin beim Vererben nicht sehr ambitioniert. Eltern sollten ihren Kindern eine gute Ausbildung ermöglichen. Aber das war es dann in meinen Augen auch schon. Wenn ich Ihre Frage jetzt so auffasse, dass es darum geht, welches Unternehmen wohl in 20 oder auch noch in 30 Jahren sehr erfolgreich sein wird, dann wird es schwierig für mich. Ich bin ja ein Vertreter der Diversifikation und kann der absurden Angewohnheit deutscher Anleger sich nur eine Aktie ins Depot zu legen (zumeist Daimler) nichts abgewinnen. Ich würde also zumindest sechs Aktien kaufen:  Apple, Facebook, Mastercard, Disney, Nike und Novo Nordisk. Wenn das nicht gut diversifiziert ist! Ich halte diese Aktien jetzt selber seit vielen Jahren – und bis auf Disney sind es auch genau die Aktien, die ich vor über vier Jahren als erste auf meinem Blog grossmutters-sparstrumpf empfohlen habe.

 

 

Wenn du keinen Beitrag mehr verpassen willst, dann bestell doch einfach den Newsletter! So wirst du jedes Mal informiert, wenn ein neuer Beitrag erscheint!

 

 

2 Kommentare

  1. Marc

    „Es gibt interessanterweise derzeit so wenig Risiken, das mir beim besten Willen keines einfallen will“

    In meinen Augen eine Art Realitätsverweigerung. Auch wenn Du Markus Krall einmal als „Knalltüte“ oder „Dr.Ahnunglos“ bezeichnet hast, rechnet er anhand belastbarer und beweisbarer Zahlen vor, wie gefährdet das europäische Bankensystem ist (Sein Curriculum vitae zeigt jedenfalls, daß er rechnen kann). Wenn das kein Risiko ist.
    Du schreibst, der Dollar werde immer stärker. Glaubst Du denn allen Ernstes, daß die USA einen starken Dollar zulassen werden?

    Antworten
    1. Christian Thiel (Beitrags-Autor)

      Mir ist schon bewusst, dass der Markt der Hysteriker in Sachen Zukunft derzeit besonders gut besucht ist. Jeder hat das Recht, diese Marktschreier für die Realität zu halten. Ich nehme mir die Freiheit, das nicht zu tun.
      Es gibt da draußen (leider) nicht nur einen Dr. Ahnungslos, sondern derer hunderte. Es lohnt nicht wirklich, sich mit denen zu beschäftigen. Reine Zeitverschwendung. Meine Meinung. Und die werde ich auf meinem Blog auch weiterhin vertreten.
      Die Vorteile einer starken Währung sind sehr groß. Die USA werden sie auch weiterhin einstreichen. Der Dollar wird nicht immer stärker. Bitte richtig lesen! Er wird noch immer stärker. Ich gehe davon aus, dass dieser Trend noch einige Jahre anhält. Aber er wird enden.

      Antworten

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.